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Interview mit Kellerkino-Mitbegründer und -leiter Massimo Bernardoni
Herr Bernardoni, das Kellerkino existiert nun seit 30 Jahren und
präsentiert sein Programm unter dem Motto "Andere Filme anders zeigen".
Was bedeutet das?
Wir orientieren uns nicht am gängigen Programm.
Wir verstehen uns aber auch nicht als Konkurrenz zu den so genannten
kommerziellen Kinos, sondern wir versuchen, aus der umfangreichen
Filmgeschichte bestimmte Momente aufzugreifen, die wir in einen
allgemeinen Diskurs einbetten. Wir veranstalten Filmreihen - sie können
thematisch bezogen sein oder es sind Porträts von Regisseuren oder
Filme aus einem bestimmten Land. Dazu finden Einführungen statt und
wir bieten ein Filmgespräch am Ende der zweiten Vorstellung an.
Im Kino sind ausführliche Informationsblätter ausgelegt und vor
dem Film zeigen wir keine Werbung. Außerdem ist die Stimmung
natürlich anders. Im Lauf der Zeit hat sich eine Gemeinschaft
Gleichgesinnter gebildet. Man kennt sich, man unterhält sich,
sei es über Filme oder auch über ganz banale Alltagsgeschichten.
Es hat eine völlig andere Atmosphäre als die Anonymität in den kommerziellen Kinos.
Bei der Auswahl der Filme steht bei uns die Qualität absolut im Vordergrund.
Für mich und vielleicht noch für ein paar Teammitglieder würde ich das
Programm noch viel radikaler gestalten, ist klar - viel cineastischer.
Aber das kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten.
Wir sind Teil der Volkshochschule, wir sind ein Zuschussunternehmen
und versuchen, unser jährlich produziertes Defizit in Grenzen zu halten.
So planen wir immer eine Reihe, bei der wir wissen, salopp formuliert,
da kommt kein Mensch. Dafür machen wir andere Reihen, bei denen wir
uns erhoffen, dass sie überdurchschnittlich gut besucht werden.
Wir wollen allerdings auf diese so genannten Minderheitsreihen niemals
verzichten, weil sie für unseren Gesamtdiskurs im Sinne einer visuellen,
ästhetischen Auseinandersetzung unerlässlich sind.
Wieso heißt das Kellerkino Kellerkino,
obwohl es in einem ganz normalen Kino, nämlich im Cinema, stattfindet?
Am Anfang war das Kino in einem Keller. Ich habe es 1975 mit dem heutigen
Geschäftsführer der Volkshochschule, Hartwig Kemmerer, zusammen gegründet.
Wir haben es in der Nordstadt im Keller der Robert Bosch Gesamtschule
initiiert mit der Meinung bzw. der Hoffnung, die Nordstädter, die
kulturell unterversorgt waren, ins Kino zu locken. Diese Hoffnung
hat sich dann leider zerschlagen. Es kamen eher Lehrer, einige Studenten,
damals vor allem der Sozialpädagogik.
Und wieso wollten Sie damals gerade ein Kino gründen?
Das liegt wohl an meiner Leidenschaft. Seit meinem 17.
Lebensjahr beschäftige ich mich intensiv mit dem Medium Film,
sowohl auf der theoretischen Ebene als auch praktisch. Damals
lebte ich in Rom - ich habe bis zum 20. Lebensjahr in Italien gelebt.
Nach der ersten Jugendphase, in der man sozusagen alles angeguckt hat,
fing ich an, ein anderes Kino zu suchen und zu entdecken, eines, das
mich bis heute fasziniert. Die Filme, die ich mir im Kino anschaue,
bereichern mein Innenleben, meine ästhetischen Bedürfnisse und bringen
mich zum Nachdenken. Etwas von diesem Kino auch in Hildesheim zu
etablieren, das war mein Wunsch und mein Ziel - und ist es immer noch.
Äußerlich hat sich in diesen 30 Jahren einiges verändert:
Das Kino ist vom Keller in das alte Domizil der VHS,
später dann in die Thega und von dort ins Cinema gezogen.
Was sind die schleichenden Veränderungen, die man nur wahrnehmen
kann, wenn man immer dabei war?
Kino und Kinomachen reflektieren naturgemäß ein gesellschaftliches Klima.
Wir haben damals im Verhältnis wahrscheinlich mehr politische Filme gezeigt;
es war das Jahr 1975 und da gab es noch, mehr als heute, sowohl in einigen
europäischen Metropolen bzw. Ländern als auch in Lateinamerika usw. große
politische Konflikte - die sich natürlich auch auf der Leinwand widerspiegelten.
Als diese Zeit und mit ihr die Konflikte nicht mehr so dominant waren, haben
wir größeren Wert gelegt auf die Ästhetik, auf neue Filmformen, neue Filmsprachen
und -stile, die wir zwar von Anfang an berücksichtigt haben, aber die wir dann
noch stärker fokussierten.
Auch das Publikum ist heute anders. Heute sprechen wir mit unserem Angebot
potenziell zwischen 4.000 bis 5.000 Menschen. Das heißt nicht, dass diese
Menschen immer regelmäßig ins Kellerkino kommen. Es gibt manche, die einmal
im Jahr oder einmal jedes zweite Jahr kommen, aber die Publikumsstruktur hat
sich wesentlich verändert. Gott sei Dank. Das Publikum heute ist, etwas grob
bezeichnet, ein "normales Publikum".
Bei Menschen bedeutet das Erreichen des 30. Lebensjahres oft eine kleine Krise.
Wie ist das bei einer Institution wie dem Kellerkino?
Gibt es Altersbeschwerden, wundert es sich über die viel zu schnell
vorbeigegangene Zeit oder hat es vielleicht jetzt erst eine gewisse Reife erreicht?
Sicherlich hat es jetzt eine gewisse Reife erreicht, seit einigen Jahren arbeiten wir
sehr professionell. Das Team besteht vorwiegend aus Studenten der Kulturwissenschaften;
und naturgemäß gibt es am Ende deren Studium einen Knick. Einige, die sehr professionell
und engagiert arbeiten, hören auf, es kommen neue, mit neuen Ideen, was natürlich sehr
schön und bereichernd ist. Andererseits kommt da bei mir, der ich dieses Unternehmen mit
Begeisterung von Anfang an leite, immer eine Art Trauer auf, wenn gute Leute wegziehen.
Den so genannten Autorenfilmern wurde im Kellerkino sicherlich bisher allen eine
Reihe gewidmet: Pasolini, Kurosawa, Godard, im kommenden November Lars von Trier.
Was war Ihre bisher liebste Reihe?
Meine Interessen sind vielfältig. Natürlich habe ich wie jeder Mensch meine Favoriten.
Was mich nach wie vor filmisch und inhaltlich sehr beschäftigt, ist das Werk von Robert
Bresson und auch das von Rossellini. Das iranische Kino ist, finde ich, zur Zeit eine
der besten Kinematographien der Welt.
Nicht zu vergessen das Kino aus dem Fernosten,
Hongkong, Südkorea oder Taiwan, … und Japan natürlich. Es faszinieren mich auch einige
der US-amerikanischen Filme, also nicht die Großproduktionen sondern die so genannten
Independent-Filme. Oder Filme, die experimentellen Charakter haben… Es ist schwer, sich
nur auf einen Namen oder ein Thema zu beschränken ...
Und was waren die Sternstunden des Kellerkinos?
Es gibt immer wieder Trends in der Kinogeschichte, auch auf der Ebene der Rezeption.
Mit unserem Angebot treffen wir manchmal gerade den Zeitgeist. Manchmal aber sind wir,
was das hiesige Publikum betrifft, ein bisschen zu früh: Bevor man von Peter Greenaway
sprach, hatten wir schon zwei Filme von ihm im Programm, die relativ schlecht besucht
waren. Irgendwann, zwei Jahre später etwa, machten wir trotzdem eine Greenaway-Reihe:
Da war er gerade zufällige in und das Kino gerammelt voll.
Schöne Momente gab es auch immer dann, wenn wir Regisseure zu einer Vorführung ihres
Films und zu einem anschließenden Gespräch eingeladen haben. Das war oft sehr anregend.
Wir hatten immerhin auch Regisseure da, die heute in der Filmgeschichte nicht
wegzudenken sind, wie Ulrike Ottinger beispielsweise.
Was gibt Ihnen das Kellerkino zurück für all die Mühen?
Es gab einige Schlüsselerlebnisse in diesen 30 Jahren. Ich fühlte unsere Arbeit
immer dann bestätigt, wenn regelmäßiger Kellerkinobesucher nach fünf oder sechs
Jahren kurz zu mir kam, um sich von mir zu verabschieden und sich mit den
Worten bedankte: "Ich danke dir bzw. euch - durch den Besuch des Kellerkinos habe ich gelernt,
Filme anders zu sehen." Ein tolles Gefühl, wenn man so etwas hört, denn genau das ist
mitunter unser Ziel: Eingeschliffene Wahrnehmungen ein wenig in Frage zu stellen und
womöglich - im positiven Sinne - ein bisschen zu beeinflussen.
Das Gespräch führte Ariane Arndt
Das Kellerkino dankt:
Unseren Zuschauerinnen und Zuschauern, dem Haus Gerstenberg,
Zingel Optik, der Sparkasse Hildesheim und Karl-Heinz Brinkmann.
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